„… und zieh was Hübsches an.“

Heute habe ich interessante Post bekommen. Ich meine, ich bekomme ja ständig einfach mal so Facebooknachrichten von Menschen, die ich nicht kenne. Meistens ist es nette Post.
Heute postete ich, wie so oft, Links aus dem Themenbereich Feminismus, und es geschah, was dann immer geschieht. Es kamen Nachrichten, in denen ich gefragt wurde, ob ich

– Angst vor Männern habe,
– Männer hasse,
– mit Männern nichts anfangen kann,
– von Männern mal enttäuscht wurde,
– lesbisch sei, und:
– dass ich „zu hübsch“ sei, um mich mit diesen Themen rumzuärgern
– etc. etc.

Diese Nachrichten kommen zu hundert Prozent von Männern. Anders die öffentlichen Kommentare – so es welche gibt – zu den entsprechenden Themen: Da sind sich Mann und Frau teils erstaunlich einig, dass Feminismus eine seit vierzig Jahren überholte Sache ist, die man heute nicht mehr braucht, weil alle die gleichen Chancen haben.
Normalerweise trete ich einen Schritt zurück und komme möglichst nicht mit persönlichen Beispielen, weil es sonst wieder heißt, es handele sich um einen Einzelfall. (Dass auch gerne Statistiken mit Einzelfällen wie „Also ICH habe ja eine ChefIN, da sieht man doch, dass man keine Frauenquote braucht“ vermeintlich ausgehebelt werden, ist den KommentatorInnen situativ egal.)
Heute also wurde ich wieder gefragt, ob ich Angst vor Männern hätte, ganze vier als männlich deklarierte Facebooknutzer wollten das von mir wissen. Und ich dachte: Okay. Ich denk drüber nach. Und ich antworte, ausnahmsweise, öffentlich.
An sich ist es eine absurde Frage. Ich mag Menschen, oder ich mag sie nicht, und vielleicht gibt es auch Menschen, vor denen ich Angst habe. Letztens erst, als ich meine Freundin nachts um halb eins zur Bushaltestelle brachte, stand dort ein Mann, machte sich die Hose auf und holte sich einen runter. Zielte dabei in unsere Richtung. Wir waren vor allem sauer, aber hinterher, als wir erfuhren, dass es am selben Abend in derselben Gegend zu sexuellen Übergriffen durch einen Mann, auf den die Beschreibung passte, gekommen war, kam doch auch Angst. Sie kam nicht sofort, weil ich mittlerweile mit sexueller Belästigung anders umgehen kann als noch vor ein paar Jahren. (Irgendwann beschließt man, sich nicht mehr zum Opfer machen zu lassen. Ganz geht die Angst davon nicht weg. Ganz vergessen geht auch nie.) Hinterher habe ich darüber nachgedacht, wie man reagieren würde, wenn sich eine Frau auf offener Straße selbst befriedigt. Gäbe es jemanden, der dann Angst vor einer Vergewaltigung hätte? Genau.
Nein, ich bin nicht der Meinung, dass alle Männer potentielle Sexualstraftäter oder Gewaltverbrecher sind. Überhaupt nicht. Aber es gibt sie, und es gibt Menschen, die nicht verstehen wollen, warum ich im Jahr 2013 immer noch der Meinung bin, dass (in der Mehrzahl) Frauen anders behandelt werden und dadurch Nachteile haben.
Es gab mal eine Zeit, in der ich wirklich dachte, dass wir alle dieselben Chancen haben und alles erreichen können, wenn wir nur wollen und gut genug sind. Dann kam ich an die Uni. Die Stipendiengesellschaft, die mich aufnahm, hatte zu der Zeit einen Frauenanteil von nur 25%. Die Frauenquote für Lehrstühle wurde in der Zeit eingeführt. Ich war trotzdem noch skeptisch – Relikte von früher, alles wird besser.
Es wurde nicht besser, im Gegenteil.

– Mir wurde gesagt, ich spielte für eine Frau richtig gut Klavier. „So gut wie ein Mann.“
– Mir wurden für einen Job bei nachweislich und objektiv besserer Qualifikation 2400 DM Gehalt weniger geboten als meinem männlichen Mitbewerber. Ich habe den Job nicht angenommen.
– Ich habe in vielen Bereichen gearbeitet, in denen es einen hohen Frauenanteil gab, die oberen Positionen aber fast ausschließlich von Männern besetzt waren. Wenn ich vertretungsweise zu Sitzungen geschickt wurde, war ich häufig die einzige Frau und wurde entsprechend behandelt.
– Ich weiß nicht, wie oft Männer gefragt werden, ob man mit ihrem Vorgesetzten reden könnte, ohne dass das Gespräch überhaupt begonnen hat.
– Ich weiß auch nicht, wie viele Männer von ihren weiblichen Vorgesetzten gebeten werden, sie morgens mit ihrer „sexy Stimme am Telefon“ zu wecken. (Übrigens mit der Aussicht auf eine bessere berufliche Position, falls ich dem Vorschlag folge. Ich folgte ihm nicht.)
– Kaum ein Mann muss sich für seine bewusste Entscheidung, keine Kinder zu wollen, rechtfertigen. (Ich will keine Kinder. Das weiß ich seit fünfundzwanzig Jahren. Mindestens.)
– Kaum ein Mann wird bei der Wohnungssuche gefragt, ob er mit seiner Frau einziehen wird und was diese denn so beruflich macht – ohne dass zuvor geklärt wurde, ob und was er arbeitet. (Ich sagte dann: „Sie würden das Geld von meinem Konto bekommen. Und stellen Sie sich vor, ich arbeite sogar.“ Ich habe eine andere Wohnung genommen.)
– Will ich mit einem Mann nicht ausgehen und lehne höflich ab, heißt es, ich sei arrogant, frigide, lesbisch (das ist natürlich als Beleidigung gemeint), kurz: mit mir „stimmt etwas nicht“.
– Ich bestelle mir lieber einen Whisky statt Prosecco, und es heißt, ich sei Alkoholikerin, weil ich „auf die harten Sachen“ stehe. Da käme bei einem Mann niemand auf die Idee.
– Die Liste lässt sich sehr lange fortsetzen.

Das alles macht mir nur insofern Angst, als dass ich merke, wie oft ich an meine Grenzen stoße. Ich kann mich offenbar nicht so frei bewegen, wie das ein Mann kann – und wenn, dann höre ich blöde Sprüche? Es werden Gerüchte in die Welt gesetzt? Vielen Dank auch.
Letztes Jahr allerdings hat mir etwas wirklich Angst gemacht, und es hatte mit Männern zu tun. Da wurde ich auf einem meiner beruflichen Gebiete – vorsichtig gesagt – schlecht behandelt. Es hat mir weder zu der Zeit noch im Ergebnis besonders gut getan, und damit meine ich sowohl finanziell als auch gesundheitlich. Ich musste jedenfalls mit einer gewissen Fassungslosigkeit und – schlimmer noch – Ohnmacht zusehen, wie stark „Männerseilschaften“ sein können. Legt man sich mit dem einen an, hat man gleich noch die anderen gegen sich. Ich habe sachlich das Gespräch gesucht. Ich bekam unsachliche Äußerungen zurück: Ich sei – beruflich – nicht interessant, da ich „immer so ernst“ sei, das hätte man sich anders vorgestellt. Der Hinweis darauf, dass es ums Geschäft ginge, erzeugte Reaktionen wie „Warum willst du ständig über Geschäfte reden? Hab doch mal Spaß.“ Was im weiteren Verlauf des Gesprächs zu „Hast du denn keinen Kerl, der dir die Miete zahlt, oder warum arbeitest du so viel?“ führte, und schließlich zu „Du bist einfach zu spröde und undankbar, so wird das hier nichts.“ Die Folgen waren für mich, wie erwähnt, schwer zu tragen. Ich wurde vor eine Wahl gestellt, bei der A für mich so erniedrigend gewesen wäre wie B. Beides versprach allerdings eine Art Sicherheitsnetz für die nächsten Jahre. Ich entschied mich für C, was kaum jemand verstehen konnte: kein Netz, kein doppelter Boden. Freier Fall mit ungewissem Ausgang.
Zu der Zeit konnte ich nicht sicher wissen, dass die Entscheidung die einzig Richtige war. Ich kann mir nicht mal heute sicher sein. Aber ich würde mich wieder genau so entscheiden.
Männer werden natürlich auch in gewissen Situationen demontiert und gedemütigt. Ich vermute allerdings, es läuft sachbezogener ab. Und welchem Mann wird schon – vor allem in beruflichen Kontexten – gesagt: „Lach doch mal“, „Hab doch mal Spaß“ oder „Zieh mal was Hübsches an“?
Also, ja, ich habe mittlerweile Angst, nachdem ich mitansehen musste, was manche Männer in hohen Positionen mit einer Frau machen, die nicht ihren Vorstellungen entspricht. (Ich versuche, mich hier sehr, sehr vorsichtig auszudrücken.) Und wie sie ihre Verbindungen nutzen. Wie sie zusammenhalten und enger zusammenrücken.
Ich will diese Angst natürlich nicht haben müssen. Aufstehen, Dreck abklopfen, weitermachen. Blöd nur, dass irgendwie immer was hängenbleibt und die nächsten Schritte etwas wackelig sind. Wie oben aber schon mal in anders gesagt: Opfer sein ist scheiße. Und bringt nichts.
Ungefähr deshalb, und aus noch sehr vielen anderen Gründen, bin ich der Meinung, dass es noch eine Menge zu tun gibt, bis auch der letzte (und die letzte) verstanden hat, dass wir alle Menschen sind und uns auch so verhalten und gegenseitig behandeln sollten. Sogar die Frauen.

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