Grundrauschen

Dieser Mann letztens im Zug. Wie froh er war, einen Sitzplatz im Abteil zu bekommen, in dem auch ich gestrandet war. Seine Reisegruppe hatte er verloren, aber ach, er wusste ja, wohin es ging, es war die Heimreise, es würde alles gut gehen.

Eigentlich wollte sich außer ihm niemand unterhalten, aber das störte ihn nicht. An niemanden im Besonderen gerichtet erzählte er von seinem Aufenthalt in Berlin, von seinem Haus im Taunus, und früher hatte er wohl mal irgendwas mit viel Reisen gemacht. Ein Treffen mit Seehofer, sagte er, sei der Wendepunkt seines Lebens gewesen. Er meinte das durchaus positiv. Er wusste auch, dass die Welt, im Speziellen Deutschland, daran krankt, dass Frauen zu viel Karriere wollen. Junge Frauen seien einfach nicht mehr bereit, die grundlegendsten Dinge im Leben zu lernen. Kochen und Backen, Nähen und Stricken. Wo solle das noch hinführen. Ich schlug vor, junge Männer könnten dies genauso gut lernen, bei Bedarf oder Interesse. Fand er nicht gut. Obwohl Kochen für Männer ein respektabler Beruf sein. Aber nicht als Alltagsbeschäftigung. Um es kürzer zu gestalten: Er leugnete rundweg historische Fakten, was Frauenrechte anging, er bestand darauf, dass Frauen, die arbeiten, Familien zerstören, er sprach davon, Männer, die sich um die Erziehung der Kinder kümmerten – es sei denn beratend oder mal am Wochenende – seien aus der Art geraten, er fand keineswegs, dass Frauen dieselben Gehälter für dieselbe Arbeit verdienten wie Männer, weil Frauen einfach nicht so gut seien wie Männer. Der Wille der Frauen, doch zu arbeiten, am Ende noch „Karriere“ zu machen, vielleicht sogar mehr zu verdienen als ein Mann, das erschien ihm widernatürlich. Volkszersetzend geradezu.

Ich diskutierte mit ihm. Er war faktenresistent, meistens wich er den Argumenten aus und kam mit etwas ganz anderem. Er redete viel und unlogisch, aber ich konnte mir vorstellen, dass es für einige Menschen durchaus stimmig klingen würde. Ich sah ein, dass eine Diskussion nicht möglich war, konnte trotzdem den Mund nicht halten. Die jungen Männer im Abteil rollten die Augen, sagten aber nichts. Das ältere Ehepaar nickte eifrig zu allem, was er sagte, bis hin zu „Kuba war früher viel schöner, da ging’s denen noch nicht so ums Geld, aber jetzt sind da zu viele Touristen, und die Kubaner wollen nur die Kohle“.

Er hatte die BILD-Zeitung auf den Knien. Wäre er Bayer, er würde die CSU wählen. Er sagte: „Sie finden wahrscheinlich auch noch das mit den Ausländern gut. Dass die alle hier reindürfen.“

Refugees Welcome

Das Ehepaar stimmte ihm nickend zu. Die Jungs wanden sich, sagten aber immer noch nichts. Ich stritt mich mit ihm und wurde fast laut. Der Zug war so voll, dass die Gänge verstopft waren. Ich konnte nicht weg. Er stieg irgendwann aus, und ich weiß bis heute nicht, wie man mit solchen Menschen umgeht.

Am Ende sagte er freundlich Auf Wiedersehen und Gute Reise noch. Ich verstand erst eine halbe Stunde später, dass er mich keine Sekunde ernst genommen hatte. Warum auch, was ich gesagt hatte, war bestenfalls lästiges Grundrauschen, hier und da ein Stichwort vielleicht. Zu mehr sollten es Frauen ja auch nicht bringen im Leben.

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