Das Märchen vom anekdotischen Einzelfall

Es gibt Ereignisse in meinem Leben, über die ich nur ungern spreche. Ich werde auch heute nicht darüber sprechen, es reicht mir, dass ich seit über zwanzig Jahren mit der Erinnerung daran leben muss. Der erste Vorfall war übrigens auch in einer Silvesternacht, und ich gehöre zu den Frauen, die fragen müssen, warum sich so viele Menschen Anfang Januar 2016 für härtere Strafen bei sexualisierter Gewalt einsetzen, die sich vorher nicht wirklich für das Thema interessierten. Damit gehöre ich auch gleich zu den Frauen, denen man vorwerfen wird, die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht instrumentalisieren zu wollen. Oder kleinreden zu wollen. Nichts davon trifft zu.

Mir wurde in den letzten Tagen von mir unbekannten Menschen – in der Hauptsache von Männern – vorgeworfen, ich wüsste wohl nicht, wie sich die Frauen in Köln gefühlt haben. Es folgte nicht selten der Wunsch, mir möge so etwas doch auch mal zustoßen. Wie erwähnt ist es das bereits, in unterschiedlicher Form zu unterschiedlichen Gelegenheiten (wenn auch fast ausschließlich von deutschen Männern), und ich wünsche es weder mir, noch anderen Menschen, gleichzeitig weiß ich aber, dass es ständig irgendwo passiert.

Ich habe miterlebt, wie sich in den vergangenen Tagen Frauen, die auf die unzähligen Fälle von sexualisierter Gewalt vor Silvester 2015/Neujahr 2016 hinwiesen, anhören mussten, dass es sich bei ihren Geschichten um „anekdotische Einzelfälle“ handele (wenn die Gewalt von einem deutschen Mann ausging), oder dass es sicherlich „nicht so schlimm“ gewesen sein könne, sonst hätten sie ja Anzeige erstattet. An den Menschen, die so reagierten, gingen offensichtlich die Aktionen #ichhabnichtangezeigt und #whyisaidnothing vorbei. Vielleicht gingen die Aktionen auch nicht an allen vorbei. Vielleicht gehörten sogar einige von ihnen zu jenen, die sich über die jeweiligen Aktionen lustig machten. Die Menschen (in der Hauptsache Frauen, aber nicht nur!), die ihre Geschichten aufschrieben, wurden außerdem bedroht, gedemütigt, in den Dreck gezogen. Als sei das, was ihnen im Leben zugestoßen war, nicht schon schlimm genug. Es zeigte sich also genau dadurch einmal mehr, warum so viele Menschen schweigen oder nicht anzeigen, wenn sie Opfer sexualisierter Gewalt werden.

Ich habe bei #ausnahmslos mitunterzeichnet, schon bei den ersten 300. #ausnahmslos wendet sich gegen sexualisierte Gewalt und gegen Rassismus. Weil sich gerade sehr viele, zu vielen Menschen auf die Fahne schreiben, sie seien gegen sexualisierte Gewalt und – gegen Ausländer. Bestimmte Ausländer. Nordafrikaner. Araber. Diese Richtung. Weil ja diese Sorte Ausländer grundsätzlich Vergewaltiger seien.

Gegen solche Verallgemeinerungen stellt sich #ausnahmslos, und ich möchte betonen: Es geht nicht darum, die Opfer der Silvesternacht zu instrumentalisieren, es geht nicht darum, kleinzureden, was dort geschehen ist, und es geht auch nicht darum zu leugnen, dass es Menschen mit einem inakzeptablen Frauenbild gibt.

Es geht allerdings darum zu differenzieren. Nicht zu sagen: alle Männer aus dieser einen Region. Oder überhaupt: alle Männer. Sondern: Menschen, die solche Taten verüben oder auch nur billigen, gegen solche Menschen müssen wir uns stellen.

Natürlich ging die Aktion von Feminist*innen aus, natürlich stehen Frauenverbände dahinter. Ich bitte auch hier um Differenzierung: Wo Feminismus draufsteht, ist nicht zwingend die Meinung einer Alice Schwarzer drin. Auch Feminist*innen sind keine homogene Gruppe. Ich kenne beispielsweise nur sehr, sehr wenige erklärte Männerhasserinnen. (Das wird ja von Ahnungslosen gern mal gleichgesetzt, Feminismus = Männerhass von frustrierten Frauen.) Und es geht auch nicht darum, die Bevorzugung von Frauen durchzusetzen. Es geht darum, dass Menschen nicht wegen ihres Geschlechts diskriminiert werden, es geht um Toleranz, um Anerkennung der unterschiedlichsten Lebensmodelle.

Der Feminismus, wie ich ihn verstehe, hat sehr viel mit Respekt, Menschenwürde und Gesellschaftskritik zu tun. Vor dem Hintergrund, dass wir alle, egal zu welchem Geschlecht wir uns zählen oder gezählt werden, mit den Strukturen einer patriarchal geprägten Gesellschaft zu kämpfen haben, mit patriarchalen Religionsgemeinschaften, die unsere besonders in den letzten Wochen und Monaten von besorgten Bürger*innen viel gepriesenen Werte prägen.

Niemand weiß so genau – oder will so genau formulieren -, was diese Werte eigentlich sind, und wenn wir näher hinschauen, dann mag es sein, dass „wir“ hier in Europa in Sachen Gleichberechtigung der Geschlechter oder Akzeptanz von nicht-heterosexuellen Lebensgemeinschaften ein Stückchen weiter sind als andere so genannte Kulturkreise, aber es ist eben nur ein Stückchen, es ist nicht so, dass wir schon den ganzen Weg gegangen wären. Einige Menschen, die der katholischen Kirche in welcher Form auch immer nahestehen, sollten sich eigentlich mit dem Bild, das manche Geflüchtete von Frauen und Homosexuellen haben, ganz gut verstanden fühlen. Was übrigens auch für Menschen gilt, die der CSU nahestehen. Ich sage nicht, dass es für alle gilt. So wie es eben nicht für alle Geflüchteten gilt, dass sie ein niederträchtiges Frauenbild haben oder Schwule steinigen wollen.

Weil es eben diese homogenen Gruppen nicht gibt. Nicht bei den Geflüchteten, nicht bei den christlich geprägten Menschen, nicht mal bei der CSU. Selbst die Gruppe der „Männer, die Frauen sexuell belästigen“ ist nicht homogen in all ihren Eigenschaften. Eins ist ihnen natürlich gemein: Sie gehören bestraft, ungeachtet ihrer Herkunft. Sie gehören nicht härter bestraft, weil sie aus einem anderen Land kommen. Sie gehören auch nicht weniger bestraft, weil sie aus einem anderen Land kommen. Sie haben ziemlich sicher noch eine Gemeinsamkeit: Sie betrachten Frauen als Objekte.

Interessanterweise zogen in den vergangenen Tagen gleich wehrhafte deutsche Männer (was ich gelesen und gehört habe, waren es ausschließlich Männer) los, um die deutsche Frau zu verteidigen. „Unsere Damen“, und wie sie „uns“ noch so nannten. Es wurden wahllos „Ausländer“ angegriffen. Alles, um die Ehre der deutschen Frau zu retten.

Was bei genauerer Betrachtung unfassbarer Blödsinn ist. Die einzige Ehre, die diese Herren retten wollen, ist ihre eigene. Jemand hat sich an ihrem vermeintlichen Eigentum vergriffen, an der „deutschen Frau“. Auf in den Krieg, auf zum Duell. Scheiß drauf, was die Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, im Moment wirklich brauchen. Hauptsache im Testosteronrausch die Wut auf die ausländische Konkurrenz rauslassen. Frauen sind auch für diese Gruppierung – bestehend aus den rachsüchtigen deutschen Männern – Objekt. Frauen dürfen sich aussuchen, ob sie belästigt werden vom „Ausländer“, oder verteidigt vom „deutschen Mann“. Frauen sind in den Augen beider Seiten passiv.

Das sind die Strukturen, die ich meine, die eben auch in unserer angeblich vom Untergang bedrohten abendländischen Gesellschaft vorherrschen, die patriarchalen Muster – was sind denn hundert Jahre Frauenwahlrecht? Was sind denn ein paar Jahrzehnte, in denen Frauen frei ihren Beruf wählen dürfen? Was sind denn weniger als zwanzig Jahre, in denen Vergewaltigung in der Ehe als Straftatbestand zählt? Nicht viel.

Die christlichen Glaubensgemeinschaften basieren ebenfalls auf deutlich patriarchalen Strukturen. Sie mögen da und dort aufgeweicht sein, aber sie sind nicht verschwunden.

Deshalb ist es so wichtig, darauf zu verweisen: dass es sexualisierte Gewalt überall gibt und schon immer gab. Wie sie eingesetzt wird und wurde. Im Krieg, im Frieden. Im Bekanntenkreis, in der Ehe, im öffentlichen Raum. Keine Frage, dass einige Gesellschaften auf einem anderen Stand sind. Keine Frage, dass unter den Geflüchteten einige sind, die keinen Respekt vor Frauen haben, die sich in der Öffentlichkeit frei bewegen. Aber diese vereinfachten Weltbilder? Ernsthaft? Jetzt, 2016, wo wir Zugang zu so vielen Informationen haben wie noch nie in der Geschichte der Menschheit? Da wird mit ganz groben Strichen schwarz und weiß gemalt?

Es gibt keine Entschuldigung für die Übergriffe in Köln und in anderen Städten. Aber eben auch keine Entschuldigung für all das, was (in der überwiegenden Mehrzahl) Frauen vorher angetan wurde und auch weiterhin angetan werden wird, egal welcher Nationalität oder welchen Glaubens die Täter (überwiegend Männer) waren oder sind. Gewaltopfer zu sein ist furchtbar. Opfer sexualisierter Gewalt zu sein, ist furchtbar. Opfer zu sein ist immer auch demütigend. Opfer sexualisierter Gewalt zu sein, trägt noch eine weitere Form der Demütigung in sich. (Was nicht qualitativ wertend gemeint ist. Kein Gewaltopfer hat es besser oder schlechter als ein anderes. Darum geht es nicht.)

Es darf nur nicht sein, dass wir, gesamtgesellschaftlich gesprochen, unsere Menschlichkeit abgeben. Wenn wir die Taten eines geringen Prozentsatzes der extrem heterogenen Gruppe  der Geflüchteten der gesamten Gruppe anlasten, was ist dann mit „uns“ als Gruppe? Ja, eben. Niemand will für das mitverantwortlich sein, was Menschen aus der Nachbarschaft angestellt haben. Oder gar aus der eigenen Familie. Sippenhaft? Wirklich? Nein. Aber Menschlichkeit. Sich offen und menschlich zu verhalten heißt nicht, Täter*innen straffrei davonkommen zu lassen. Es heißt auch nicht, Opfer zu verhöhnen oder sie nicht ernst zu nehmen. Ich nehme die Opfer sehr ernst, weil ich eine sehr konkrete Ahnung habe, wie es ihnen gehen mag. Wie schon erwähnt, so etwas wünscht man niemandem. Aber ich habe in den letzten mehr als zwanzig Jahren gelernt, dass ich meine Menschlichkeit trotzdem behalten kann, dass ich trotzdem differenzieren kann, statt zu pauschalisieren.

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