„Schwul? Und das sagen Sie so offen?“

Ich unterhielt mich gerade mit einer älteren Dame, sie fragte nach XY, wie geht’s ihm, hat er eine Freundin, ich sagte: Nein, er hat einen Freund. Und sie sackte in sich zusammen. Ich meine – so richtig körperlich. Sie ließ die Einkaufstaschen fallen und hielt sich am nächsten Zaun fest. Das sagen Sie so offen?, fragte sie. Es wurde ein langes Gespräch, wir standen da bestimmt eine Stunde. Ihr ältester Sohn ist nämlich schwul. Er ist um die fünfzig, lebt seit über zehn Jahren mit einem Mann zusammen, seine Familie weiß es erst seit ein paar Jahren, und noch immer fragen sich seine Eltern: Was haben wir denn falsch gemacht?

13076972_10156816733425371_7162281827310004212_nDie Dame sucht nach Gründen. Ist es, weil sie sich immer ein Mädchen gewünscht hat, als sie schwanger war? Und sie fragt sich, warum sie es nicht schon früher gemerkt hat. Er wollte nie Fußball spielen, sagt sie. Und: Er war immer mehr wie ein Mädchen. Sie erzählt mir auch, dass ihr Sohn seinen Partner heiraten will. Den Namen des Partners nennt sie nicht, sie nennt nur seine Nationalität, und auch diese erst nach einer Weile, vorher bezeichnet sie ihn als „Asiaten“. In dieser, sagen wir mal, ansonsten völlig normal wirkenden Frau sammeln sich beim Thema Homosexualität so viele Vorurteile und Missverständnisse, und das in Berlin, heute – so dass ich nun selbst mit Vorurteilen komme: Sie ist nun mal eine andere Generation, und sie ist, ja, katholisch. Ich glaube, als sie mit mir über ihren Sohn sprach, hörte sie zum ersten Mal keine Beileidsbekundungen, kein Mitleid. Ich wiederholte eisern: Das ist völlig normal, Sie haben einen tollen Sohn, er lebt in einer tollen Beziehung, sein Partner ist ein erfolgreicher und liebevoller Mensch, es ist alles in Ordnung. So hat sie das offenbar noch nie gesehen.

Ich bin bei diesem Thema extrem empfindlich. Ich kenne zu viele Menschen, die wegen ihrer Entscheidung, der Heteronormativität eine klare Absage zu erteilen, mit ihren Familien große Probleme hatten. Immer noch haben. Natürlich kann ich nicht offen darüber schreiben. Weil – es für sie und für die Familien immer noch ein Problem ist. Weil – es meine Familie betrifft, mehrfach. Nicht mal diesen Satz sollte ich vermutlich schreiben.

Es ist noch nicht so lange her, da stritt ich mich mit einem sehr lieben Menschen über ein Seminar, das bei einem „Christival“ angeboten wurde: „Wege aus der Homosexualität“. Das war mir unbegreiflich. Warum wird so etwas angeboten? Man kann doch nicht einfach sagen: Och, heute will ich nicht mehr lesbisch sein, das ist mir zu anstrengend, wie komm ich denn aus der Nummer raus? Ich erhielt die Antwort: Diese bedauernswerten Menschen hätten nun mal Probleme mit ihrer sexuellen Orientierung, man müsse ihnen doch Hilfe anbieten.

Ja, natürlich haben diese Menschen ein Problem. Weil andere ihnen einreden, sie hätten eins. Seien nicht „normal“, seien „ekelhaft“, „geistesgestört“. Der Kirchenmann sprach von einem konkreten Beispiel: Ein junger Mann fühle sich ganz schlimm, weil er diesen Drang in sich verspüre, es sei doch sündig. Solchen Menschen wolle er helfen. Ich sagte: Ja, dem kannst du ganz einfach helfen: Nimm ihn in den Arm und sag ihm, dass er genau richtig ist.

Die Dame, mit der ich heute sprach, fragte mich sogar, ob es ansteckend sei, sie beobachte gewisse homosexuelle Tendenzen in ihrem elfjährigen Enkel.

Berlin, heute, und ich muss solche Gespräche führen. Nicht mit AfD-Wählern, sondern mit einer netten, älteren Dame.

Während immer klarer zu werden scheint, dass der Attentäter von Orlando vor allem ein Motiv hatte: Selbsthass. Weil er nicht damit zurechtkam, schwul zu sein. Orlando war ein Angriff auf die LGBT+ Community.

Was tragen die Glaubensgemeinschaften dazu bei? Was die reaktionären Parteien? Die im konservativen Denken verhafteten Menschen, die sich nun immer mehr bestätigt fühlen, weil man heute so viele Dinge wieder so laut sagt, wie ich es vor nicht allzu langer Zeit nicht für möglich gehalten hätte. Aber gesellschaftlicher Wandel kommt vermutlich in Wellen. Wir waren schon ein Stück weiter, jetzt geht es wieder einen Schritt zurück. Ich hoffe, der Schritt ist nicht zu weit. Und die nächste Bewegung wird sehr viel weiter nach vorne gehen.

13119121_10156849547510371_6794915434343219398_nWie kann eine so aufgeklärte Gesellschaft, wie es die unsere sein will, zulassen, dass Menschen sich selbst und/oder andere wegen ihrer sexuellen Orientierung (und wir reden hier von Sexualität, die einvernehmlich unter Mündigen ausgeübt wird) so sehr hassen?

 

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