Katerstimmung

Aufwachen und merken, dass man über Wochen und Monate angelogen wurde. Dass man, wenn man noch einmal die Wahl hätte, sein Kreuzchen woanders machen würde. Dass man etwas in Gang gesetzt hat, das offensichtlich massive Konsequenzen nach sich zieht, an die man nie gedacht hätte. Erstmal Google fragen, wogegen man sich eigentlich entschieden hat. Was war das noch mal, diese EU? Um dann zu merken, dass man keine Ahnung hatte. Dass einem niemand was gesagt hat. Oder doch? Man hätte es wissen können, hätte man sich informiert. Man hätte vorher Google fragen können. Oder zur Abwechslung eine andere Zeitung lesen. Oder sich die Argumente der anderen Seite anhören. Hätte man alles tun können. Haben aber beängstigend viele, die für „Leave“ stimmten, nicht getan.

Jetzt ist die Entscheidung gefallen, und niemand weiß so genau, wie es weitergeht. Erst in ein paar Jahren wissen wir, wie es der britischen Wirtschaft ergangen sein wird, ob es überhaupt noch ein Großbritannien gibt oder nur noch ein kleines England.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten. Ich dachte wirklich, dass der Mord an Jo Cox wenigstens denen, die bisher unentschlossen waren, zeigt, worum es eigentlich geht: fehlgeleitete Emotionen. Die Rufe nach einem starken Großbritannien, nach „Wir sind wieder wer“, dieses „Wir lassen uns nichts mehr vorschreiben“. Viele Briten waren schon immer patriotisch. Sie sahen gern ihren Union Jack auf Tassen und T-Shirts und Kissen und wenn er vor irgendwelchen Gebäuden wehte. Von außen war der britische Patriotismus irgendwie immer etwas Niedliches. Da verschwamm das Bild vom Tee trinkenden Engländer (!) mit all seiner Verschrobenheit dann gern mit dieser Flagge. Bei Anlässen wie der EM merkt man, dass Großbritannien eigentlich gar nicht so englisch ist, da sind ja noch Schotten und Nordiren und Waliser, und ach wie niedlich (und verschroben!), die haben ja alle eigene Mannschaften, diese Waliser singen sogar irgendwas anderes als Nationalhymne, hach ja, man muss sie einfach gernhaben.

Großbritannien war schon immer ein sehr diverses Land, im Guten wie im Schlechten. Jetzt ist es ein zerrissenes Land. 

Es hat sich gezeigt, dass bei vielen der Patriotismus in Wirklichkeit ein ganz ungesunder Nationalismus ist. Weg von der EU, die Grenzen müssen wieder her. Und wenn das Land auseinanderbricht, dann ist das eben so. Nationalismus ist das, woran man sich festhalten kann, wenn man sonst nichts mehr hat. Für die eigene Nationalität kann man nichts, aber man hat sie wenigstens. EU, das bedeutet Ausländer und fehlende Selbstbestimmung, und wenn das nicht wäre …

Dabei waren und sind die Probleme Großbritanniens hausgemacht. Dass die working class immer weniger Arbeit hatte und immer mehr zum Sozialfall wurde, lag nicht an der EU, eher an Thatcher. Dass unter einer Labour-Regierung die sozial schwächeren Schichten immer noch nichts von irgendeinem Aufschwung hatten, lag nicht an der EU, eher an Blair. Großbritannien ist nicht das einzige Land, das vergessen hat, dafür zu sorgen, die Menschen, die sich benachteiligt fühlen, teilhhaben zu lassen. Die Arm-Reich-Schere ist auf den Inseln immer weiter aufgegangen, aber solange es den Reichen gut ging, solange noch Käufer und Mieter für die steigenden Immobilienpreise zu finden waren – warum aufhören?

Viele Menschen dachten, sie hätten durch das Referendum die Möglichkeit, die Regierung abzustrafen, die sich nicht kümmert. Eigentlich sogar beide etablierte Parteien. Und die EU, die lauter Ausländer schicken will. Das Establishment (whoever that is), das sich bereichert. Irgendjemanden, der daran schuld ist, dass so große Ungerechtigkeit herrscht, dass man sich nicht mehr vertreten fühlt.

Die Pro-EU-Kampagne konnte nicht ausreichend überzeugen. Fakten sind wenig emotional, und diese ganze Konstruktion mit der EU ist nun mal auch nicht so leicht zu vermitteln. Es gibt das Vereinigte Königreich, und es gibt „the continent“. Wir und die. Es ist auch deshalb einfacher, den EU-Bürokratiewahn aufzuzeigen, ihn mit ein paar Lügen aufzublasen und noch absurder darzustellen, als er in Wirklichkeit ist. Das wiederum emotionalisiert. Das packt die Leute. Das, und Dinge, vor denen sie Angst haben. Angst funktioniert immer. 

Es spricht Bände, dass jetzt überall von den rechten Flügeln (Trump! Le Pen! AfD!) das Geschrei nach mehr direkter Demokratie laut wird. Mehr 36240_10150354206180371_5676022_nReferenden, fordert Seehofer so zuverlässig berechenbar wie Weihnachten. Nicht etwa, weil dann wirklich der „Wille des Volkes“ entscheidet, sondern weil mit der richtigen Propaganda der vermeintliche Volkswille besser dahin gelenkt werden kann, wo ihn gewisse Politiker haben wollen. Einfache Parolen statt komplexer Sachverhalte, einfache Antworten auf schwierige Fragen, ein bisschen Angst verbreiten hier, ein paar Fehlinformationen streuen dort, bestimmte Presseorgane machen da schon mit, und was man vorher versprochen hat, muss man ja hinterher nicht unbedingt einhalten, Hauptsache, man hat erstmal irgendwas gewonnen. Niemand fragt da noch nach Verantwortung oder Moral. Warum auch, es ist ja nur Politik.

 

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