Was mir Angst macht

Die Abstimmung zum Brexit hat wieder schön gezeigt, dass Gefühle wichtiger sind als Fakten, wenn es darum geht, in der Politik Wahlen zu gewinnen. Bei den Unterstützern, den Fans, den Wählern von Donald Trump, bei den republikanischen Politikern, die sich auf seine Seite schlagen, geht es ebenfalls nicht um Tatsachen, sondern darum, wie sich gerade etwas anfühlt. In Deutschland werden diejenigen, die dazu aufrufen, sich auf Fakten, Statistiken, Tatsachen zu konzentrieren und nicht in Panik zu geraten, beschimpft, sie seien weltfremd, würden die Opfer verhöhnen, seien verblendet. Zynisch gar.

13227176_10156907009645371_5672021484407339075_nMit Vernunft und Logik kommt man nicht an gegen die gefühlten Wahrheiten, denen Rechtspopulisten den Boden bereiten, und die umgekehrt wiederum den Erfolg dieser Parteien befördern. Hier wie anderswo. Ich habe mich in den letzten Tagen durch Statistiken geklickt: Morde in Deutschland, im Ausland. Amokläufe national und international in den letzten 15, 20 Jahren. Terroranschläge national und international. Mordopfer durch organisierte Kriminalität. Und so weiter. Es lebt sich gut und sicher in Deutschland. Es wollen nur gerade sehr viele nicht glauben.

Es gab in den vergangenen Tagen, was natürlich völlig unterging, was vermutlich ohnehin nicht flächendeckend und groß gemeldet worden wäre, es gab in den vergangenen Tagen Vorfälle mit Rentnern. Der eine drohte im Pflegeheim mit dem Messer, verletzte einen Beamten und wurde von der Polizei erschossen. Der andere brachte seinen Arzt um und dann sich selbst. Stellen wir uns nur für einen Moment vor, dass der Fokus der Berichterstattung ein anderer wäre, dass die Gier nach Schlagzeilen anders motiviert wäre (z.B. gefährliche Rentner!). Wie schrecklich verzerrt wäre unsere Wahrnehmung der Welt … Moment, nein, sie ist längst verzerrt, weil jede Meldung an sich schon Manipulation ist, egal wie sachlich, egal wie faktisch: durch die Auswahl, die Priorisierung von Meldungen. Trotzdem muss man sich auf irgendetwas, irgendjemanden verlassen können. Welcher Nachrichtendienst, welche Zeitung, welches Internetportal zuverlässig ist – alle Recherchemöglichkeiten stehen zur Verfügung. Journalist*innen sollen sich an den Pressekodex halten und ihre Quellen prüfen, Nachrichtenkonsument*innen können das auch. Quellen checken ist immer eine gute Idee. Die vielen herumschwirrenden Meinungsartikel haben Verfasser*innen, bei denen sich ein Hintergrundcheck lohnt, bevor Zitate herausgerupft und freudig verbreitet werden. Erstmal schauen, von wem ich da etwas verbreite. Und ehrlich gesagt kann ich nicht glauben, wie oft ich das in den letzten Wochen, mal liebevoll und sanft, mal sehr laut und deutlich, sagen musste.

Letztens schrieb ich noch darüber, wie scheiße es ist, wenn andere Leute einem Vorschriften machen wollen, wie man sich zu fühlen hat. Mache ich das gerade? Nein. Die Ängste, die Emotionen sind da, und es gilt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Feststellen: So fühlt sich gerade etwas an, zum Beispiel die Sicherheitslage in Deutschland. Gut. Nächster Schritt: Überprüfen, ob es tatsächlich Grund zur Sorge gibt. Woher kommt die Angst. Orientierung an Fakten und Zahlen, und ja, die muss man dann schon mal in Relation setzen, das gehört dazu. Dann: Über mögliche Maßnahmen reden. Die Reihenfolge ist nämlich gerade falsch. Da sind die gefühlten Wahrheiten, und aus ihnen werden unreflektiert und unmittelbar Maßnahmen eingefordert, die zu den gefühlten Wahrheiten passen. Was in dieser Reihung fehlt, ist die faktische Klärung der Umstände (und wenn sie da ist, wird sie oft überhört, weil Angst und so), und anschließend Maßnahmen, die zu den tatsächlichen Gegebenheiten passen. Sonst sind die Maßnahmen keine Lösungen, sondern verschärfen oft genug nur die bestehenden Probleme.

Angst ist ein schlechter Berater, heißt es. Was mir Angst macht, darf nicht die Grundlage für meine Entscheidungen sein, jedenfalls nicht die einzige. Meine Angst darf nicht dazu führen, dass ich pauschalisiere, oder blind dafür bin, in welcher Welt ich wirklich lebe. Ich darf Angst haben, und ich muss lernen, damit umzugehen. Sonst wird die Welt wirklich so finster wie in meinen Angstvorstellungen.

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Fußnote 1: Im Tagesschau-Erklärvideo, das zeigen wollte, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, selbst Opfer eines Attentats in Deutschland zu werden, was wiederum den Menschen die Angst nehmen sollte, wurde der nüchterne Vergleich gebracht, dass ungleich mehr Menschen beim Essen ersticken. Abartig, hieß es, widerlich, menschenverachtend. Und interessant auch die Behauptungen, ob man am Essen ersticke oder nicht, sei etwas, das man selbst in der Hand hätte, hingegen ein Attentat könne man ja nicht beeinflussen. (Ich stelle mir gerade vor, wie sich die unglücklichen Menschen, die beim Essen erstickten, vorher genau diese Option überlegt hatten.) So viel zur Logik.

Fußnote 2: Eine Sache, die sowohl bei den medial gut abgedeckten Attentaten als auch bei den weniger prominent berichteten Taten durchaus als gemeinsames Element auffallen könnte: unser Gesundheitssystem und der Umgang mit psychisch erkrankten Menschen.

 

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