Schwarz, innen.

Ich kannte weder Chester Bennington noch Chris Cornell persönlich, aber dass sie nun tot sind, wie sie gestorben sind, macht mich extrem unglücklich. Ich kannte und mochte die frühen Texte von Linkin Park, diese brachialen, plakativen, als teenage angst belächelten Songs, die sie machten, bevor der große Hype sie in eine ganz andere Richtung führte und ich mir die Musik nicht mehr antun konnte. Ich mochte bestimmte frühe Soundgarden-Songs besonders gern, so gern, dass ich mir die Texte abschrieb und an die Wand hängte, in jungen Jahren macht man so etwas, und ich hatte schon immer diesen Hang zum Düsteren und Schwarzen, zur Melancholie und zur tiefen Verzweiflung. Ich glaubte, in diesen Texten etwas von mir zu erkennen. Jetzt sind diese beiden Musiker tot, nachdem sie jahrzehntelang dieselbe Krankheit mit sich herumschleppten wie ich, und ich frage mich, wie ich damit umgehen soll. Warum? Weil es mir wieder zeigt, wie hinterhältig diese Krankheit ist, und dass man sie nicht so einfach loswird.

Nicht-Betroffene äußern gern mal – und das ist kein Vorwurf – in ihrer Rat- und Verständnislosigkeit Dinge wie: Aber der/die hatte doch alles. Talent. Erfolg. Familie. Geld. Es gab doch gar keinen Grund …

Genau da liegt das große Missverständnis, weshalb sich viele so schwertun, eine Depression wenigstens annähernd zu begreifen: Es gibt keinen äußeren Grund. Es gibt eine Hirnchemie, die nicht das tut, was sie tun sollte. Hormone, die in die falsche Richtung flitzen. Manchmal werden solche Zustände von außen verstärkt, aber diese Verstärker sind nicht die Gründe für die Krankheit.

Die Behandlung ist auch nicht supereinfach. Therapien? Kommen bei allen Patient*innen sehr unterschiedlich an, und erstmal Therapeut*innen zu finden, die zu einem passen – schwer genug. Wegtherapieren geht bei depressiven Verstimmungen und gewissen Verlaufsformen, aber dann gibt es Formen, die bleiben einfach ein Leben lang. In unterschiedlichen Auswüchsen. So eine Depression, die ist dann nun mal da. Die geht mit einem spazieren, die legt sich mit einem ins Bett, die geht mit ins Kino und auf die Party und zur Arbeit, wie so eine Wolke schwebt sie einfach mal mit. Manchmal ist die Wolke ganz klein und weiß und fluffig, und manchmal ist sie eine beschissene Gewitterwolke, die einem tagelang ihre Ladung auf den Kopf kotzt. Ohne Pause. Tabletten? Ja. Nun. Jedes Medikament wirkt irgendwie bei jedem anders. Das, was mir prima hilft, gibt meiner einen Freundin das Gefühl, ein emotionsloser Zombie zu sein, eine andere nahm davon zwanzig Kilo zu. Was mir nicht geholfen hat, macht andere wiederum sehr zufrieden. Aber dann kommt noch der komplizierte Hormonspiegel hinzu, wenn der nämlich mal irgendwie aus dem Lot gerät, wird alles wieder schwierig, und man rennt von einem Menschen, der Medizin studiert hat, zum nächsten, und überall hört man vages Gemurmel von „Ausprobieren müssen“ und „Wird sich zeigen“ und es werden doch recht viele Schultern gezuckt. Wie gesagt, die Behandlung ist jetzt nicht so wirklich einfach.

Mein Vater nannte meine Phasen früher in seiner Hilflosigkeit immer „Weltschmerz“. Ich wusste als Kind nicht, was mit mir los war. Er wusste es auch nicht so ganz genau. Ich weiß jetzt, dass es in meiner Familie einige Fälle wie mich gab, und ich wünschte, man hätte offener darüber geredet, es hätte sehr vieles einfacher gemacht. Unter anderem die Diagnose, die sich über Jahre hinzog, die verworfen und dann wieder bestätigt und dann wieder verworfen usw. wurde. Von „Teenager sind nun mal so“ über „Was stellen Sie sich eigentlich so an“ bis „Frauen in Ihrem Alter haben sowas nun mal gelegentlich“ habe ich schon alles vom medizinischen Fachpersonal mit und ohne Doktortitel gehört. Man riet mir zu Sport, Johanniskraut, Lichttherapie, Urlaub, Hormonen, keinen Hormonen, Tabletten, keinen Tabletten, mehr schlafen, weniger schlafen, zu bestimmten Tees und Vitaminen und Ölen und Duftkerzen. Man riet mir so viel.

Ich hatte Phasen, da konnte ich nicht vor die Tür gehen. Ich hatte Phasen, da konnte ich mein Spiegelbild nicht ertragen. Ich hatte Phasen, da wollte ich mir die Haut abreißen, weil ich diesen namenlosen inneren Druck nicht länger spüren wollen.

Niemand redet gern darüber, weil es so schwer ist, anderen verständlich zu machen, was da in einem vor sich geht. Es ist unlogisch, irrational. Aber vor allem redet niemand gern darüber, weil die Reaktionen auf diese Krankheit fürchterlich sind. Dass Menschen, die nicht selbst betroffen sind, Schwierigkeiten haben, diesen Zustand nachzuvollziehen – geschenkt. Ich weiß nicht, wie sich ein gebrochener Arm anfühlt, ich hab mir noch nie was gebrochen. Wovor ich Angst habe, wenn ich darüber spreche: dass man mich für „schwach“ hält. Dass man mich abschreibt. Dass ich keine Jobs mehr bekomme. Dass man mich behandelt, als wäre ich nicht zurechnungsfähig. Solche Sachen. Es hilft nämlich nichts zu sagen: Aber ich habe Abi gemacht und studiert und x Bücher geschrieben und übersetzt und redigiert und bla, obwohl ich diesen Scheiß seit gut dreißig Jahren habe. Es hilft nichts. Man wird abgeschrieben, eine gewisse Verachtung für die gezeigte Schwäche schwingt mit.

Natürlich habe ich auch genau jetzt diese Angst. Be- und verurteilt zu werden. Mich verletzlich und angreifbar zu machen. Und dann denke ich: Gut, ich bin verletzlich und angreifbar, und man be- und verurteilt mich so oder so.

„Weltschmerz“, sagte mein Vater damals, ich war wirklich noch ganz klein, ich weckte ihn oft mitten in der Nacht, um ihm zu sagen: Ich weiß nicht, was los ist, aber ich fühle mich so komisch. Damals konnte ich es nicht in Worte fassen, bis heute ist es schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt. Er sagte mir dann eines Nachts, dass es wohl ein Teil von mir sei. Er sagte mir, manche Menschen hätten so etwas nun mal. Er hatte auch kein anderes Wort dafür. Ich wusste nicht, dass er dabei an bestimmte Menschen dachte. Diese Menschen sind tot, ich wünschte, wir hätten alle viel mehr geredet.

 

 

 

 

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