Trümmermusik (aus: Weihnachten will ich zu Hause sein)

Die Anthologie gibt es zum Beispiel hier zu kaufen. Der Erlös geht an die Obdachlosenhilfe. 

Der Mann steigt in Schöneberg zusammen mit einem Freund in die S-Bahn und setzt sich mir gegenüber hin. Er hat große Mühe, seine vielen Tüten zu arrangieren, sie sind übervoll und aus dünnem Plastik, darin Lebensmittel aus einem türkischen Supermarkt. Er kommt mir bekannt vor, ich weiß aber nicht mehr woher. Manchmal erkenne ich ein Gesicht und brauche sehr lange, bis mir einfällt woher, weil ich es außerhalb der gewohnten Kontexte nicht zuordnen kann. Drei Stationen weiter ist es mir immer noch nicht eingefallen. Dafür sind die beiden Männer in ein Gespräch vertieft und zeigen sich gegenseitig Sachen auf den Handys, dann ihre Einkäufe, bis dem Mann, von dem ich glaube, ihn zu kennen, eine der Plastiktüten reißt. Ich biete ihm einen Stoffbeutel an, den er erst nicht nehmen will, aber nach mehreren Versuchen, die Einkäufe irgendwie anders unterzubringen, nimmt er ihn schließlich an, will mir Geld dafür geben, ich akzeptiere die fünfzig Cent, die er mir aufdrängt, weil ich merke, wie unangenehm ihm ein Geschenk wäre.

Als wir an derselben Station aussteigen, fällt mir ein, woher ich das Gesicht kenne: Er putzt den Biomarkt bei mir an der Ecke. Wenn man kurz vor Ladenschluss erst kommt, hat er meistens schon angefangen zu wischen. Wenn ich ihn grüße, schaut er normalerweise schnell weg.

Nach der Begegnung in der S-Bahn schaut er nicht weg. Er bedankt sich noch einmal und sagt, er hat den Stoffbeutel dabei und will ihn mir zurückgeben. Ich kann ihn davon überzeugen, dass er ihn behalten darf.

Als ich ihn das nächste Mal sehe, sitzt er im Park in der Sonne. Auf den Knien hat er eine Brotbüchse, neben ihm steht auf der Bank eine Thermoskanne. Ich erkenne, dass sie auf meinem Stoffbeutel steht. Er winkt mich zu sich, ich setze mich, Thermoskanne und Stoffbeutel sind zwischen uns.

Ihr Deutschen habt interessantes Brot, sagt er. Ich erfahre, dass er aus Syrien kommt und seit drei Jahren hier ist. Er heißt Nadim, und er wartet darauf, dass seine Frau auch nach Deutschland kommt. Sie wollte nicht mit ihm aus Homs fliehen.

Ihre Eltern waren krank, sagt er. Jetzt sind sie tot.

Aber seine Frau kommt immer noch nicht. Sie will nicht weg. Sie hat nie woanders gelebt. Ihr Haus, das Haus ihrer Eltern, die Häuer ihrer Verwandten, alles ist zerstört, aber sie will nicht weg. Seit einem dreiviertel Jahr hat er von ihr nichts mehr von ihr gehört, und niemand scheint zu wissen, wo sie ist. Er kann nicht nach Homs zurückkehren, für ihn ist es nicht sicher, aber manchmal überlegt er, es doch einfach zu tun, um nach ihr zu suchen. Und manchmal hält ihn der Gedanke zurück, sie könnte schon unterwegs zu ihm sein und ihn dann verpassen. In der letzten Nachricht, von der er sicher weiß, dass sie sie gelesen hat, schrieb er ihr von genau diesem Park. Wenn sie ihn also sucht, dann hier. Deshalb verbringt Nadim jeden Tag viele Stunden in diesem Park. Manchmal, sagt er, schlafe ich sogar hier.

Was haben Sie in Homs gemacht?, frage ich.

Er hatte in Damaskus Klavier studiert, und als er seine Frau kennenlernte, zog er nach Homs und bekam eine Stelle an der Universität, am Institut für Musikerziehung. Sie wollte schon damals nicht weg aus Homs.

Vielleicht ist sie immer noch dort und baut unser Haus wieder auf, sagt er.

Und es gibt niemanden, den Sie nach ihr fragen können?, will ich wissen.

Alle seien tot, denen er vertraut, oder hätten längst das Land verlassen. Allen anderen kann er nicht trauen. Und wenn er nach Syrien zurückkehrt, weiß er nicht, wie lange er überleben wird. Er hat sich zu oft kritisch geäußert. Gegen den IS, gegen die Regierung, er hat Feinde auf allen Seiten.

Ich hätte den Mund halten sollen, ich war nur Musiker, sagt er. Ich hätte einfach nur Klavierspielen sollen.

Ich schreibe ihr jeden Tag, sagt er. Entweder liest sie die Mails und antwortet nicht, oder jemand anderes liest sie, jemand, der sie entführt oder gefangen genommen hat, oder niemand liest sie. Wie kann ich das je erfahren? Ich kann nur weiter hoffen.

Er sagt, er weiß nicht einmal, ob sie beide noch zusammengehören. Vielleicht hat sie sich verändert, durch den Krieg, durch den Verlust ihrer Eltern, den Verlust ihres Hauses. Ihres Zuhauses.

Ich habe mich auch verändert, sagt er. Ich habe gemerkt, dass ich keine Heimat habe, so wie sie. Ich bin woanders zuhause.

Die Musik, rate ich.

Die Musik, sagt er. Der Pfarrer der evangelischen Kirche hat ein Klavier, auf dem darf er spielen, und manchmal darf er sich sogar mit der großen Kirchenorgel befassen, ein ganz anderes Instrument, aber er lernt es gerade, und es macht ihm Spaß.

Ohne die Musik wäre ich tot, sagt er. Ich brauche sonst keinen Ort, nur Musik. Dann bin ich glücklich.

Ich glaube, ich mag den Pfarrer, sage ich. Ich kenne ihn nicht, aber ich mag ihn. Sagen Sie ihm das.

Nadim lacht. Wollen Sie jetzt Ihre Tasche zurückhaben?

Ich sage nein und bestehe weiter darauf, dass sie nun ihm gehört, schließlich habe er sie mir abgekauft, weiß er das nicht mehr?

Aber vielleicht bedeutet Ihnen die Tasche etwas, sagt er und zeigt mir das Motiv. Eine Nordseeinsel, es ist tatsächlich ein Beutel, den meine Eltern irgendwann mal bei mir liegengelassen haben. Ich winke ab, erkläre es ihm. Er sieht sich neugierig den Aufdruck an.

Vielleicht werde ich dort eines Tages mal hinfahren, sagt er, lacht wieder.

Dort gibt es auch Klaviere, sage ich. Sogar Flügel, im Kurhaus. Im Sommer werden Konzerte für die Kurgäste gegeben.

Nadim scheint mir erst nicht zu glauben. Dann denkt er nach. Vielleicht gebe ich wieder Konzerte, sagt er. Nicht nur im Wohnzimmer des Pfarrers.

Was ist mit Ihrer Frau?

Was ist, wenn sie nicht kommt, weil sie lieber in Homs bleiben will, wo man mich sofort verhaften wird?

Das müssen Sie herausfinden, sage ich.

Ich weiß nicht wie, sagt er und sieht zu Boden.

Was spielen Sie am liebsten?, frage ich.

Er schüttelt den Kopf. Der Pfarrer mag Bach, sagt er.

Und Sie?

Ravel. Er lächelt.

Wann haben Sie den zuletzt gespielt?

Er sagt, dass er erst ein richtig gutes Klavier finden will, bevor er wieder seine Lieblingsstücke spielt. Dann hält er inne, kämpft mit dem Tränen, sagt schließlich: Ich habe Angst, diese Sachen zu spielen.

Ich lasse ihm Zeit, sich zu fangen.

Weil ich dann wieder ganz zu Hause wäre. Ganz bei mir. So als wäre nichts geschehen. Wenn ich Ravel spiele, oder Liszt, oder Chopin, dann vergesse ich alles um mich herum. Und davor habe ich Angst. Ich warte doch auf meine Frau.

Jetzt steht er auf, hält unschlüssig den Beutel in der Hand, packt dann seine Brotbüchse und die Thermoskanne hinein und schwenkt ihn. Da gibt es wirklich Klaviere, auf dieser Insel?

Und Flügel, sage ich.

Wer weiß, sagt er. Wer weiß, ob ich mir das nicht mal ansehe.

 

(Anm.: Nach einer wahren Begegnung. Name des Mannes sowie Details, die auf seine wahre Identität schließen lassen können, wurden geändert.)

 

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s