#verlagegegenrechts

Es war fürchterlich anstrengend. Das Bündnis auf die Beine zu stellen und sich quasi von Tag 1 an gegen Anfeindungen (aus allen Richtungen) wehren zu müssen, die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mit 13 Podien zu planen, Materialien zu organisieren, Interviews zu geben, Kampagnenarbeit zu leisten … Natürlich war es anstrengend. Dazu die Anspannung, die durch die täglich eintreffenden Drohungen (von Rechts) beständig wuchs, und ganz nebenbei haben alle von uns noch ihre übliche Arbeit zu leisten. Kurz vor der Messe hätten wir schon Urlaub gebraucht, ein halbes Jahr mindestens, einsame Insel, von mir aus auch Finnland, da sprechen die Menschen wenigstens nicht so viel.29315196_557763147929902_8758297322888101888_n

Und jetzt, hinterher, sind wir glücklich und froh und irgendwie auch ein wenig stolz, dass alles so wundervoll gelaufen ist, viel besser, nein: sehr viel besser, als wir auch nur zu hoffen gewagt hatten.

Die Kundgebung auf dem Augustusplatz am Mittwoch vor der offiziellen Eröffnung hatte mehr Teilnehmer*innen als erwartet. Ich hörte schon im Vorfeld von Personen aus der Branche, dass sie extra einen Tag früher kommen würden, um daran teilzunehmen. Tolle Reden wurden gehalten. Alles verlief friedlich. Sogar die Tagesschau berichtete.

29258103_557763274596556_4256811575341481984_nWährenddessen allerdings spielten sich weniger angenehme Szenen beim Messeaufbau ab. In Halle 3 hängte eine junge Frau Plakate für #verlagegegenrechts und andere Bündnisse auf. Es geschah mit Erlaubnis der Messe. Sofort wurde sie von Männern, die offenbar zu einem Magazin mit verleumderischen, aufhetzenden, Fakten ignorierenden Inhalten gehörten, gefilmt und bedrängt, man drohte ihr mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung, versuchte, sie einzuschüchtern. Damit war nun auch der Ton gesetzt, wie sich jene verhalten würden, die mit Widerspruch gegen ihre extremistischen Ansichten nicht so prima klarkommen.

29250173_557762951263255_1496343370153328640_nTatsächlich war bei vielen unserer Podien zu beobachten, dass sich Menschen, die sich dem rechtsextremen Meinungsspektrum zugehörig fühlen, gern am Rande herumdrückten. Das Sicherheitspersonal der Messe war vorbereitet, musste aber nicht einschreiten. Oft waren unsere Veranstaltungen viel zu überfüllt, als dass Störwillige überhaupt ihren Weg durch die Menge fanden, und meine Vermutung ist vor allem, dass ihnen Anknüpfungspunkte fehlten. Gesprochen wurde nämlich gar nicht über sie, jedenfalls nicht so, wie sie es wohl erwartet hatten. Stattdessen wurden Themen diskutiert. Nicht unbedingt im Streitmodus, denn darum ging es gar nicht, sondern vertiefend, differenzierend, informierend … Niemand hetzte oder beleidigte. Warum auch? Es geht nämlich auch ohne.

Eine Gruppe sehr junger Menschen streifte um die Veranstaltung zur Meinungsfreiheit, vermutlich mit dem Auftrag, die mitgebrachten Postkarten zu verteilen, die sich über die Initiator*innen der Veranstaltungsreihe, also uns, lustig machten. Sie sahen davon ab, sich durch den regen Andrang zu quetschen, streiften noch ein paar Minuten weiter unschlüssig hin und her, kauften uns am Ende drei unserer Stofftaschen ab. (Danke dafür, wir haben noch was draufgelegt und das Geld an die Amadeu-Antonio-Stiftung gespendet. Bitte teilen Sie mir mit, ob Sie eine Spendenquittung brauchen, dann kümmere ich mich drum.)

29365819_558220697884147_2130767686823575552_nSelbst als ein Verleger mit deutlicher Rechtsaußenposition und großer Sympathie für eine sich neu im Parlament befindliche Partei bei der Veranstaltung „Über Rechte schreiben“ zu Wort meldete, passierte – nichts. Er beschwerte sich darüber, dass es „20 Veranstaltungen über ihn“ gäbe, und er zu keiner einzigen eingeladen worden sei, aber leider lag er da völlig falsch, vermutlich weil ihm das Konzept der Veranstaltungsreihe nicht klar war (die im Übrigen, wie schon erwähnt, nur 13 Podien hatte, nicht 20, but who’s counting). Es wurde eben nicht über ihn geredet, sondern über Themen. (Es wäre ja auch unhöflich, über nicht Anwesende zu reden.) Zu diesen Themen wurden Personen eingeladen, die sich auf den Gebieten auskennen und interessante, begründete Haltungen dazu haben. Mit „interessant“ ist nicht gemeint, dass sich alle einig sein müssen. Mir ist aber nicht ganz klar, ob sich ebendieser Verleger so gut mit LGBTIQ-Rechten auskennt, dass er vertiefend dazu hätte beitragen können. Oder ob literarische Übersetzungen sein Steckenpferd sind. Und nur weil er eine Meinung zum Feminismus hat, qualifiziert ihn das nicht als Podiumsteilnehmer, jedenfalls nicht mehr als Millionen andere Menschen, die ebenfalls nicht eingeladen wurden. Seine Beschwerde ist für mich daher nicht ganz nachvollziehbar. Selbst die Veranstaltung, bei der er sich aus dem Publikum heraus zu Wort meldete, hatte nicht ihn als Thema, sondern verhandelte, wie man über Rechtspopulisten und Rechtsextremisten journalistisch arbeitet. Auch da würde ich ihn nicht als Experten sehen, es sei denn, er möchte festlegen, wie man über ihn zu schreiben hat, und das lässt sich kaum mit der Pressefreiheit vereinbaren.

Eskalation wurde gesucht, fast schon eingefordert. Man hatte fast den Eindruck, gewisse Akteure waren beleidigt, dass niemand ihren Stand umschubste. Ich kann nur für „Verlage gegen Rechts“ sprechen. Wir hatten nie vor, Stände umzuschubsen. Wir hatten auch nicht vor, wie man uns in unzähligen Mails und Kommentaren unterstellte, Bücher zu verbrennen.

29313363_557763091263241_6549867002331136000_nWas also hatten wir vor? Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Das ist uns gelungen. Unsere Veranstaltungen waren auf unterschiedliche Bühnen in den Hallen verteilt. Sie waren fast immer überfüllt, an einigen Bühnen handelte es sich sogar um die meist besuchten. Das zeigt mir nur, wie richtig wir lagen. Es gibt ein Bedürfnis, über bestimmte Themen ruhig und sachlich zu reden, sich darüber zu informieren, zu diskutieren, sich auszutauschen.

Unsere Buttons waren nach kurzer Zeit weg. Unsere Lesezeichen wurden besonders von Buchhandelsmitarbeiter*innen nachgefragt. Unsere Broschüre stieß auf reges Interesse von Leser*innen. Wir sind erschöpft, aber glücklich. Jetzt hoffe ich noch, dass sich im Nachhinein die Zweifel so einiger an unserer Arbeit ausräumen ließen. Und dass klar wurde: Es handelt sich um ein breit aufgestelltes Bündnis, was die Inhalte angeht. Mit der Ausnahme eben, dass diskriminierende, ausgrenzende Haltungen nicht akzeptiert werden können. Warum nicht? Gespräch bedeutet Austausch. Man muss danach nicht mit einer anderer Haltung rausgehen, aber man muss bereit sein, den anderen zuzuhören, sie zu verstehen, sich selbst zu hinterfragen. Und das möglichst sachlich, also ohne Beleidigungen und Diskriminierungen. (Ich darf erinnern, dass wir in Deutschland zum Glück Meinungsfreiheit haben, und dass Beleidigung und Diskriminierung keine Meinung ist.) Wer das von Anfang an ausschließt und Gespräche mit Einbahnstraßen verwechselt, zu denen er oder sie die Richtung vorgibt (und Widerspruch als Einschränkung der Meinungsfreiheit missdeutet), darf seine Meinung anderswo kundtun (und tut es ja auch sehr laut und sehr öffentlichkeitswirksam), ist aber bei Veranstaltungen, die auf Inklusion, Vielfalt und Austausch ausgerichtet sind, fehl am Platz.29314335_558220607884156_4350803575950016512_n

Jetzt ist es Montag, ich habe schlecht geschlafen, mal wieder. Diesmal hatte ich vor allem Messebilder im Kopf, ich brauche also noch eine Weile, um die ganzen Eindrücke zu verarbeiten und die Anspannung abzubauen. Aber als Sonntagabend klar war, wie erfolgreich alles über die Bühne(n) gegangen war – doch, ich war und bin sehr glücklich.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Unterstützer*innen auf der Unterschriftenliste, bei allen Teilnehmer*innen und Moderator*innen der Podien und der Kundgebung, bei allen, die für unser Crowdfunding gespendet haben, bei allen, die mitgeholfen haben, indem sie Essen und Trinken brachten, Händchen hielten, fotografierten, filmten, die Veranstaltungen besuchten, unsere Materialien verteilten, sich Buttons ansteckten  …, bei den Menschen auf der Messe, die für unsere Sicherheit sorgten, bei der Messe selbst, dass wir mit unserer Idee kommen durften, und natürlich bei allen, die aktiv in die Vorbereitungen eingebunden waren! Besonders viel ❤ für Lisa und René. Danke!

 

(Fotos: (c) Chr. Werth/ Verlage gegen Rechts)

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