Die Wahrheit und wie sie sich anfühlt

Mit der Wahrnehmung ist das natürlich so eine Sache. Man kennt ja die „gefühlten Wahrheiten“, die sind einem immer näher als sämtliche Fakten, und die „gefühlte Wahrheit“, die eine Autorin in einem ZEIT-Artikel beschreibt, lautet: Die rechten Intellektuellen haben das Sagen, die linken Intellektuellen schweigen.

Nun steigen wir gleich mit ein paar definitorisch schwierigen Begriffen ein, und um Zeit zu sparen, vereinfache ich sie rasch. Mit „links“ ist möglicherweise alles, was nicht „rechts“ ist, gemeint (und unter „rechts“ vereint sich sehr wahrscheinlich so einiges von deutlich konservativ bis rechtsextrem), und die „Intellektuellen“ sind Menschen, die über einen längeren Zeitraum komplexe Texte veröffentlicht und für manche nicht ganz dumm klingende Sachen zu gesellschaftlich irgendwie relevanten Themen gesagt haben, und zwar so, dass sie dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Vielleicht müssen sie auch noch akademische Ehren vorweisen, aber dem können wir gern zu einem anderen Zeitpunkt auf den Grund gehen.

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Panel zum Thema Meinungsfreiheit auf der Leipziger Buchmesse 2018 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“

Mich interessiert gerade vielmehr, warum das Engagement nicht-rechter intellektueller (oder einfach intelligenter?) Menschen der vergangenen Monate so an der Wahrnehmung der ZEIT-Autorin vorbeischliddern konnte. Es gibt ungezählte (durchaus auch prominente) tapfere Einzelpersonen, die sich immer wieder entsprechend äußerten, aber auch Initiativen, Aktionsbündnisse, Unterschriftenlisten, Veranstaltungen, Bücher etc. etc. Wie kann so viel Einsatz gegen rechts unbemerkt bleiben?

Unter anderem, weil der Nachrichtenwert fehlt. Es ist kein Aufreger und damit keine Schlagzeile, sich menschenverachtenden Äußerungen entgegenzustellen. Wenn Politiker*innen ihren Namen bekannt machen wollen, sagen sie am besten irres Zeug in ein Mikrofon. Darüber wird dann berichtet. Wer das entschieden zurückweist oder aufs Schärfste kritisiert, wird mit Glück im Nachklapp genannt. So funktioniert es auch mit dem irren Zeug, dass die gern so genannten Intellektuellen der Neuen Rechten (oder die neuerdings konservativ gewordenen einst doch linken Intellektuellen, oder oder) von sich geben. Irres Zeug ist ein Aufreger ist eine Nachricht. Dreizehn Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse 2018, die keinen Skandal erzeugten, dafür aber knallvolle Publikumsräume, und bei denen lauter kluge, informierte Menschen sachlich wichtige Themen diskutierten, waren keine Nachricht, bestenfalls eine Randnotiz, aber für die beteiligten Menschen, auf und vor der Bühne, sehr wichtig: Endlich Raum für Themen! Interessiert aber die Presse aufgrund mangelnder Skandale nicht so mächtig und hat damit in der öffentlichen Wahrnehmung außerhalb der Buchmesse kaum stattgefunden. Schade. Bei den Podienteilnehmer*innen waren nämlich durchaus nicht-rechte Intellektuelle anwesend, die sich öffentlich sehr deutlich positionierten.

Erst am Wochenende fand die Tagung des PEN Deutschland (eine Vereinigung, in der sich meines Wissens auch viele Intellektuelle, die nichts rechts sind, finden lassen) statt, es gab ein Panel zum Thema „Meinungsfreiheit und Neue Rechte“ (bei dem ich mitdiskutierte), es gab öffentliche und nichtöffentliche Diskussionen der Mitglieder, wie das Thema innerhalb des PENs zu behandeln ist … Bei dem Panel in der Paulinerkirche zeigte sich das (nicht nur aus PEN-Mitgliedern bestehende) Publikum in Beifallsbekundungen oder Missfallensäußerungen in der Haltung mehrheitlich deutlich gegen reaktionär-rechtes Denken. Aber eine freundlich zustimmende Mehrheit ist keine Nachricht, die fetzt.

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PEN-Tagung Göttingen: „Meinungsfreiheit und die Neue Rechte“. Foto: Tanja Kinkel

Warum also ist es keine große Reportage, sondern bestenfalls einen kleinen, versteckten Beitrag wert, wenn sich Menschen aktiv gegen Hass, Hetze und Ausgrenzung wenden, dafür Zeit opfern und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, sich Gewaltandrohungen aussetzen und Angst um ihre Familien haben müssen?

Die Menschen, die sich gegen dieses Gedankengut positionieren, sind nicht still und leise, sondern laut und fordernd. Sie kämpfen jeden Tag für ein Miteinander, für Verständigung, gegen Ignoranz.

Nur um dann marginalisiert zu werden, weil sich zu wenige drüber aufregen. Aufregung ist schon immer die Währung der Presse, und ich möchte das bitte als Feststellung verstanden wissen, gar nicht mal so sehr als Kritik. Es gehört ja auch immer die andere Seite dazu. Die Rezipient*innen, die die Aufreger wollen und dafür auch bezahlen. Mit Geld oder mit Aufmerksamkeit. Wie also kriegen wir da noch die guten Nachrichten in die Presse?