Frauen sind jung, Männer erklären die Welt

(zuerst erschienen in Publik Forum 12/2017)

Eine breit angelegte Studie hat untersucht, welche Rolle Frauen in Film und Fernsehen spielen. Das Ergebnis ist bestürzend

Von Zoë Beck

Männer sind mit über vierzig erst so richtig interessant, heißt es. Und was sind Frauen über vierzig? Alt. Weibliche Filmstars jedenfalls beklagen schon immer, dass es für sie ab diesem Alter kaum große Rollen gibt. Meryl Streep bekam nach ihrem 41sten Geburtstag genau drei Filmangebote: Jedes Mal wurde ihr die Rolle einer Hexe angeboten. Dabei sie ist doch immer noch gut im Geschäft. Bilden sich die Frauen das also nur ein? Fallen einem nicht gleich auf Anhieb noch weitere Beispiele für Hollywoodstars über vierzig ein? Für große Filmrollen mit weiblicher Besetzung, für weibliche deutsche Serienstars im reiferen Alter? Sind Frauen – egal welchen Alters – nicht allgegenwärtig?

Leider nein. Das Institut für Medienforschung an der Universität Rostock führte eine breit angelegte Studie mit dem Titel »Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland« durch. Die Studie unter der Leitung der Medienforscherinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke wurde unterstützt von der MaLisa-Stiftung der Schauspielerin Maria Furtwängler, von öffentlich-rechtlichen wie privaten Fernsehsendern und einigen Filmförderungsanstalten. Untersucht wurden fast dreitausend Beiträge aus deutscher Produktion oder mit deutscher Beteiligung aus dem Jahr 2016 sowie fast neunhundert Kinofilme aus fünf Jahren mit insgesamt über elftausend Protagonisten und Protagonistinnen.

27500853_10159869411215371_2410939000383898027_oDas Resultat ist ernüchternd: 67 Prozent der gezeigten Personen sind Männer, 33 Prozent Frauen. Bei Fernsehfilmen ist der Unterschied nicht ganz so groß, dort haben Frauen 44 Prozent der Rollen, bei Soaps und Telenovelas liegen Frauen mit 52 Prozent sogar ganz knapp vorne. Doch schon bei höherwertig produzierten Fernsehserien klafft die Lücke wieder weit auseinander, der Frauenanteil bei den Hauptrollen liegt dort nur noch bei 38 Prozent. Die größten Unterschiede gibt es bei Informationssendungen und in der so genannten »non-fiktionalen Unterhaltung«. (Darunter fallen Shows, Magazine, Lebensberatung – kurz gesagt: alles, wo keine Schauspieler und Schauspielerinnen mitspielen.) Hier ist der Männeranteil mit fast 70 Prozent Prozent extrem hoch und scheint uns zu sagen: Männer erklären die Welt. Männer sind zu 79 Prozent in der Expertenrolle, 72 Prozent der Erklärtexte werden von ihnen gesprochen, 64 Prozent der Journalisten, die vor der Kamera stehen, sind männlich.

Diese Erkenntnisse bestätigen, was bereits das Geena Davis Institute on Gender in Media in einer Studie über weibliche Hauptrollen in populärer Unterhaltung aus elf Ländern kürzlich ermittelt hat: Frauen sind schlicht unterrepräsentiert. Auch die Rollen, die sie spielen, die Berufe, die sie in den Filmen ausüben, legen nahe, dass die Welt den Männern gehört: In den ausgewerteten Filmen sind deutlich über 80 Prozent der wichtigen Jobs als Geschäftsführer, Leiter von Anwaltskanzleien, Investoren usw., von Männern besetzt. Noch größer ist der Unterschied in der Darstellung von Politik: Über 90 Prozent der entsprechenden Filmrollen sind männlich besetzt.

35376890_10160424747035371_1335866362429440000_nAlso wie im Leben? Verblüffenderweise entspricht diese Geschlechterverteilung der Berufe in Filmen keineswegs der Realität der jeweiligen Länder: Sie liegt deutlich unter dem, was Frauen im echten Leben erreicht haben. Von einer Abbildung der Wirklichkeit kann nicht die Rede sein.

Sieht man sich die Rollenverteilung im deutschen Fernsehen und Kino an, besteht bis zum Alter von Mitte dreißig fast ein ausgeglichenes Verhältnis. Erst danach wird es für die Frauen finster: Dann kommt eine Frau auf zwei Männer, ab fünfzig eine auf drei. Es gilt also: Ältere Herren dürfen sich in allen Genres zeigen. Ältere Frauen nur noch in Ausnahmefällen.

Eine noch verzerrtere Weltsicht zeigt sich ausgerechnet im Kinderprogramm. Für die Rostocker Studie wurden knapp 2700 internationale Einzelprogramme, die auf deutschen Sendern liefen, untersucht. Im Durchschnitt war in allen diesen Sendungen gerade einmal einer von vier Charakteren weiblich. Kindern wird also deutlich gezeigt: Männliche Figuren sind präsenter – und dadurch wichtiger.

Ein Grund für die ungleiche und ungerechte Darstellung von Männern und Frauen ist ziemlich sicher in der Jobverteilung der Branche zu finden. Hinter der Kamera tummeln sich nämlich ebenfalls vorwiegend Männer. Vom Drehbuch bis zum Schnitt – früher übrigens eine Frauendomäne, bis der Filmschnitt 1930 zur Oscar-Kategorie erhoben wurde – , von der Kamera bis zur Regie herrschen hier Männer vor. Produziert wird ebenfalls häufiger von Männern. Zwar sitzen viele Frauen in den Redaktionen der Fernsehsender, doch auch dort liegt die Entscheidungshoheit meist in männlichen Händen.

Um dem entgegenzuwirken und in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft eine größere Diversität zu erreichen, schlossen sich 2014 Filmregisseurinnen in Deutschland zusammen und gründeten die Initiative »Pro Quote Regie«. Diese Initiative fordert von den Sendern eine Quote für die Vergabe von Positionen wie Buch und Regie. Zwar gibt es immer mal wieder explizite Bemühungen, Frauen vor und hinter der Kamera mit speziellen Frauenthemen in den Mittelpunkt zu stellen. So bringt das ZDF aktuell in der Reihe »Das kleine Fernsehspiel« ausschließlich Thriller von Regisseurinnen. Die Frage bleibt allerdings, wie nachhaltig so etwas ist, wenn keine verbindliche Quote eingeführt wird. Und wenn Experimente wie »Das kleine Fernsehspiel« allein schon aufgrund der Sendezeiten dazu verdammt sind, Experimente zu bleiben. Wenn »Frauenthemen« weiterhin wie die Interessen einer anstrengenden Randgruppe behandelt werden.

Je weniger Frauen Regie führen, desto weniger Chancen haben sie natürlich auf Auszeichnungen. Die Entscheidung, den bayerischen Filmpreis 2016 in der Sparte Regie gleich fünf Mal zu vergeben, und zwar nur an Frauen, rief heftige Kritik hervor – auch und gerade von Regisseurinnen, die fürchteten, mit Verweis auf diese Mehrfachvergabe könnte das Thema für die nächsten Jahre wieder abgehakt sein. Zuvor war der Preis in dieser Kategorie insgesamt gerade vier Mal an Frauen vergeben worden – es gibt ihn seit 1980.

In der vom Geena Davis Institute durchgeführten Studie bestätigt sich, dass Frauen in Filmen besser repräsentiert sind, wenn auch hinter der Kamera mehr Frauen in die Filmarbeit einbezogen werden. Als Produzenten und Regisseure auf das Missverhältnis der Geschlechter in Filmen hingewiesen wurden, wollten diese es zunächst nicht glauben. Als die Forscher ihnen daraufhin Filme vorführten, zeigte sich, dass die befragten Männer bereits bei einem Anteil von 17 Prozent Frauenrollen glauben, das Geschlechterverhältnis sei ausgeglichen. Bei einem Drittel Frauen sind sie der Überzeugung, das Matriarchat hätte Einzug gehalten.

Vermutlich geht es vielen Menschen so. Weil sie, weil wir alle es nun einmal gewöhnt sind, vornehmlich Männer in der Öffentlichkeit zu sehen. Mädchen und Frauen fehlen damit auch die deutlichen Vorbilder für ein erfolgreiches Berufsleben. Jungen und Männern dagegen fehlen Vorbilder für eine andere Form von Männlichkeit, die auch Lebensbereiche wie Familie oder Care-Arbeit einschließt. Mädchen wird so vermittelt, dass männliche Ideale erstrebenswerter sind, und dass Weiblichkeit vor allem mit gutem Aussehen, emotionalen Beziehungen und mit Familie assoziiert ist. Hier bilden sich klare Rollenverteilungen ab, gegen die sich nicht nur viele Frauen, sondern auch zahlreiche Männer seit Jahrzehnten offen wehren.

Die Harvard-Professorin Iris Bohnet beschreibt in ihrem aktuellen Buch »What works« nicht nur, wie stark weiterhin Vorurteile und Verhaltensmuster allein durch unbewusste Prägung gesellschaftlich in uns allen verankert sind, sondern auch, wie deprimierend wenig allein die Bewusstmachung bringt. »Erst es zu sehen heißt, es zu glauben«, sagte sie in einem Gespräch auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Anders gesagt: Erst, wenn wir mehr Frauen in bestimmten Positionen und Kontexten sehen, sei es nun in Wirklichkeit oder in der Fiktion, glauben wir als Individuen, aber auch als Gesellschaft daran, dass Frauen tatsächlich in diese Positionen und Kontexte gehören, und nicht nur Männer. Erst dann kann eine gerechtere Geschlechterverteilung auch Realität werden.

Die Häufigkeit ist dabei ausschlaggebend: Eine Frau ist eine Ausnahme. Mehrere Frauen sorgen dafür, dass etwas zur Regel wird. Fehlen diese Bilder, fällt es uns schwer, daran zu glauben, dass Frauen bestimmte gesellschaftliche oder berufliche Positionen ausfüllen können.

26001257_10159733625835371_2921748126081926675_nBohnets Buch beginnt mit einem einleuchtenden Beispiel: Seit einige klassische Orchester in den USA beschlossen, das Auswahlverfahren neuer Mitglieder zu ändern und die Bewerber hinter einem Vorhang vorspielen zu lassen, erhöhte sich der Frauenanteil sowie der Anteil nicht-weißer Musiker und Musikerinnen deutlich. Die klassische Musik gilt als Domäne weißer Männer, obwohl das Vorhangbeispiel zeigt, wie falsch diese jahrhundertealte Annahme ist. Doch erst die ständige Anwesenheit von Frauen und nicht-weißen Menschen in der Orchesterbesetzung wird diesen Irrglauben ändern können. Ohne eine Änderung der Sehgewohnheiten ändern sich auch die Vorurteile nicht, die uns von klein auf unbewusst prägen.

Genau deshalb ist die Frage so wichtig, wie unsere Gesellschaft in Film und Fernsehen abgebildet ist, wie das Geschlechterverhältnis gezeigt wird. Bis sich das ändert, glauben wir unwillkürlich daran, was wir zu sehen bekommen: Dass Männer die Welt erklären und Frauen ab vierzig unsichtbar werden.