Wer das „Fremde“ nicht kennt, fürchtet es mehr als alles andere

(Zuerst erschienen im Bücherbrief des Magazin Buchkultur am 17.12.)

Wir und das Unbehagen, Teil 7 // Literaturmenschen geben Auskunft

Wer das „Fremde“ nicht kennt, fürchtet es mehr als alles andere.

Von Z Beck

Mein Unbehagen ist mehr als das: konkrete Angst. Immer häufiger sprechen wir in den letzten zwei, drei Jahren darüber, wo Meinungsfreiheit endet und was Zensur bedeutet. Und die Stimmen von Rechts, die Meinungsfreiheit für sich beanspruchen, wo sie doch Widerspruchsfreiheit meinen, und Zensur behaupten, wo andere ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben, diese Stimmen wurden in meinem Leben so laut, dass sie mich überall hin verfolgten. Man forderte, mich von Bühnen zu entfernen. Man ging mich nach Panels aggressiv an. Man machte mit bedrohlichen Gesten Fotos von mir. Schickte mir E-Mails und schrieb Kommentare mit kaum verschleierten Gewaltdrohungen. Postete in rechten Foren Dinge über mich, die man über niemanden lesen möchte.

Diese Form der Einschüchterung ist nicht neu, und ich kenne viele Kolleg*innen, die davon noch sehr viel härter betroffen sind. Was mir passiert, ist ein Bruchteil dessen, was der Journalist und Autor Hasnain Kazim täglich aushalten muss.

Ich muss mir eingestehen, dass ich mich in den letzten Monaten extrem zurückgenommen habe und gar nicht mehr blogge, weil mir die Kraft fehlt. Es ist falsch, weil ich mich nicht einschüchtern lassen sollte. Es ist richtig, weil ich meine Kraft für andere Dinge brauche. Unsere Arbeit an der Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“, die auf der Leipziger Buchmesse in diesem Jahr stattfand und von dem Aktionsbündnis #verlagegegenrechts ausgerichtet wurde, machte dank des Erfolgs und der großartigen Rückmeldungen glücklich und zehrte mich und meine Mitstreiter*innen zugleich aus. Es sind, um es vorsichtig zu sagen, schwierige Zeiten.

Umso wichtiger sind mir die Geschichten, die wir alle uns zu erzählen haben. Geschichten wirken länger nach als jede Statistik, und sie lassen uns in Dialog treten. Ich bin froh und dankbar für eine Autorin wie Helen Oyeyemi, eine schwarze Frau, die in der von weißen Männern dominierten westlichen Kultur mit ihrer Intelligenz und ihrem Charme wirklich alle alt aussehen lässt, die ihre Geschichten in bester Kenntnis aber ohne Befolgung der Regeln der weißen Kultur erzählt, mit Charakteren, die vielleicht schwarz oder weiß, vielleicht männlich oder weiblich sind, vielleicht lebendig oder Fantasie, wobei – warum eigentlich „oder“? Oyeyemi sprengt Grenzen, auch die der Nationalstaaten. Sie ist Britin, die in Nigeria geboren wurde und jetzt in Prag lebt. Sie schreibt keine Nationalstaatenliteratur, sondern Weltliteratur im besten Sinne. Wie so viele andere, Chimamanda Ngozi Adichie, Karan Mahajan, Teju Cole … Da verbinden sich die Sichtweisen und Einflüsse mehrerer Kulturen, die manchen fremd oder gar unvereinbar scheinen, in den Leben und Geschichten dieser Künstler*innen aber zusammenfinden. In Deutschland hätten wir uns viel früher schon die Geschichten von Ost und West erzählen sollen, anstatt unseren Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Wer das „Fremde“, das „Andere“ nicht kennt, fürchtet es mehr als alles andere.

Ich tröste mich damit, dass wir, die wir uns gegen rechtsextreme, menschenfeindliche Haltungen stellen, ebenfalls mindestens Unbehagen hervorrufen und damit zeigen: Es gibt ihn nicht, diesen viel beschworenen nationalistischen „Volkswillen“, es gibt noch etwas ganz anderes, und davon eine Menge. Populismus wirkt dank Vereinfachung. Unsere Geschichten sind aber nicht einfach, sie sind komplex und ambivalent, vielschichtig und herausfordernd, wie das Leben, wie die Menschen, und sie gehen nicht mal eben so weg. Wir brauchen Geschichten, und wir müssen zuhören und sie weitererzählen, darüber reden und uns öffnen für neue Geschichten.

Zoë Beck arbeitet als Schriftstellerin, Verlegerin (Culturbooks Verlag) und literarische Übersetzerin. Sie ist Mitinitiatorin des Aktionsbündnisses #verlagegegenrechts, im Vorstand von Litprom e.V. – Literaturen der Welt und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. (Foto: Anette Göttlicher)

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