Eine Liebeserklärung

Frau K. ist leider nicht im Internet. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie schon achtzig ist. Sie hat einfach zu viel anderes zu tun, und vor allem redet sie nicht so viel über das, was sie tut. Sie macht einfach.

Frau K. war meine Nachbarin, jetzt ist sie ein paarhundert Meter die Straße raufgezogen und wohnt zwischen der Turnhalle und der Kirche. In der Turnhalle sind aus Syrien geflohene Familien untergebracht. In der Kirche sind Menschen, die ähnlich wie Frau K. nicht viel reden, sondern machen. Frau K. ist nun selbst nicht gerade gläubig, aber sie findet es gut, dass die von der Kirche das machen, was sie auch macht: helfen, ohne viel zu fragen.

Frau K. kümmert sich darum, dass ihr gesamter Freundeskreis den syrischen Familien hilft. Mit Sachspenden, mit Zeit, mit Kuchenbacken. Sie lacht, wenn sie sieht, wie sich die Männer aus der Unterkunft Berge von Kuchen auf die Teller packen, und wenn dann die anderen älteren Damen, die wie sie selbst die Nachkriegszeit miterlebt haben, mit den Zähnen knirschen, weil nicht alles aufgegessen wird. „Eine Liebeserklärung“ weiterlesen

Das Märchen vom anekdotischen Einzelfall

Es gibt Ereignisse in meinem Leben, über die ich nur ungern spreche. Ich werde auch heute nicht darüber sprechen, es reicht mir, dass ich seit über zwanzig Jahren mit der Erinnerung daran leben muss. Der erste Vorfall war übrigens auch in einer Silvesternacht, und ich gehöre zu den Frauen, die fragen müssen, warum sich so viele Menschen Anfang Januar 2016 für härtere Strafen bei sexualisierter Gewalt einsetzen, die sich vorher nicht wirklich für das Thema interessierten. Damit gehöre ich auch gleich zu den Frauen, denen man vorwerfen wird, die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht instrumentalisieren zu wollen. Oder kleinreden zu wollen. Nichts davon trifft zu.

Mir wurde in den letzten Tagen von mir unbekannten Menschen – in der Hauptsache von Männern – vorgeworfen, ich wüsste wohl nicht, wie sich die Frauen in Köln gefühlt haben. Es folgte nicht selten der Wunsch, mir möge so etwas doch auch mal zustoßen. Wie erwähnt ist es das bereits, in unterschiedlicher Form zu unterschiedlichen Gelegenheiten (wenn auch fast ausschließlich von deutschen Männern), und ich wünsche es weder mir, noch anderen Menschen, gleichzeitig weiß ich aber, dass es ständig irgendwo passiert. „Das Märchen vom anekdotischen Einzelfall“ weiterlesen

Just saying.

Wir haben Staaten erfunden, Grenzen gezogen, Kriege begonnen, Waffen exportiert, Ressourcen geplündert, Ausbeutung gefördert, Strukturen zerstört, korrupte Regime unterstützt. Wir haben das am liebsten woanders getan, weit weg von hier. Wir tun so, als wüssten wir, wie die Welt zu funktionieren hat. Wir haben mehr, als wir begreifen wollen, aber es reicht uns nicht. Wir, hier in Sicherheit, und Die Anderen, weit weg. Das funktioniert … Just saying. weiterlesen

Gefährliche junge Männer

Ich habe in einer Stadt gewohnt, in der viele Gastarbeiter lebten. Deren Kinder und ich, wir gingen in dieselben Schulen. Manche von ihnen waren sehr gute Schüler*innen und machten Abitur. Andere waren nicht so gut. Manche waren Mathegenies. Super im Sportunterricht. Prima in Englisch und Französisch. Es gab keine Regel, wie Gastarbeiterkinder im Allgemeinen so waren. Es gab Klassensprecher*innen, deren Eltern kamen aus der Türkei, … Gefährliche junge Männer weiterlesen

Toleranzgrenzen

Dass das “rechte Pack” “einfach nur dumm” sei, ist mal eine schöne, einfache Erklärung. Sie greift natürlich nicht nur viel zu kurz, sie impliziert noch so vieles mehr. Die (verharmlosend so genannten) “besorgten Bürger” gehören schließlich nicht zum “rechten Pack”, die (noch sehr viel verharmlosender so genannten) “Asylkritiker” ja auch nicht, “Pack” sind vor allem die anderen, und “dumm” – wie definiert sich “dumm”? Handelt es sich um unwissende Menschen, die keinen Zugang zu Fakten haben, und wenn doch, ziehen sie daraus die falschen Schlüsse? Weil sie es nicht besser wissen oder nicht besser können? Kann man dieser “Dummheit” beikommen? Meint “dumm” nicht eigentlich ignorant, intolerant, voreingenommen, stur? “Dumm” ist keine Antwort auf das, was gerade geschieht. Zu sagen: “Wir müssen mit den besorgten Bürgern reden” wirft die Frage auf, wie viel Toleranz gegenüber dieser Intoleranz, die sich breit gemacht hat (oder jetzt erst sichtbar zeigt) überhaupt zielführend ist. Oder weise. Oder richtig. Und was dann mit dem “rechten Pack” ist. Oder mit den “Asylkritikern”.

Diese Menschen, egal welches Stempelchen man ihnen gibt oder welches sie sich selbst aufdrücken, liegen falsch. Sie verbreiten Lügen, nachweislich. Sie bedrohen andere Menschen, nachweislich. Sie rufen zu Mord und Totschlag auf, nachweislich. Sie sind voller Unzufriedeheit und Hass und nicht bereit, mit irgendjemandem zu reden, der nicht dieselben Parolen plärrt. Sie verwechseln das Recht zur freien Meinungsäußerung damit, dass jeder ungestraft pöbeln und beleidigen dürfe. Sie glauben, zu sagen, alle Asylsuchenden gehörten vergast, sei freie Meinungsäußerung. Sie akzeptieren Gewalt gegen andere Menschen. Sie heißen sie sogar gut. Manchmal insgeheim, manchmal ganz offen. „Toleranzgrenzen“ weiterlesen